Die Einladung zur Reise nach Auschwitz haben 39 Personen wahrgenommen. Am Samstag starteten wir nach Görlitz. Die mit uns seit Jahren verbundenen Freunde der Evangelischen Stadtjugendarbeit erwarteten uns mit Unterkünften, einem Grillabend und einer traditionellen Nachtwächter-Tour. Am Sonntag besuchten wir die Synagoge in Görlitz. Dort trafen wir Lauren Leidermann. Sie ist Jüdin und erforscht in Görlitz die Geschichten jüdischer Familien. Die Synagoge wird heute als Kulturforum genutzt. Am Nachmittag ging die Reise weiter nach Breslau. Breslau, es wird auch „das Venedig des Ostens“ wegen seiner 12 Inseln und 120 Kirchen genannt. Beeindruckend der historische Marktplatz mit dem Rathaus, die Universität, die Kirchen und vieles mehr. Dazu überall in der Stadt kleine Zwerge aus Metall… Es wird vermutet, dass man inzwischen über 1.000 ganz unterschiedliche Zwerge in der Stadt verteilt findet. Sie standen anfangs als Symbol des Widerstandes gegen die Obrigkeit. Sie konnten nicht übermalt werden. Der nächste Tag begann mit einem Vortrag eines polnischen Zeitzeugen des Nazi-Terrors in Polen und der Andacht in der historischen Hofkirche. In zwei geführten Gruppen erfuhren wir viel über die Geschichte Breslaus, in der Dietrich Bonhoeffer geboren und sechs Jahre gelebt hat. Auch Jochen Klepper hat in Breslau gewohnt. Ein Abendessen in einem traditionellen Restaurant schloss den Besuch in Breslau ab.

Am Dienstag fuhren wir Richtung Auschwitz in die internationale Begegnungsstätte nahe des Stammlagers. Sie wurde 1986 durch Initiative der Aktion Sühnezeichen Friedensdienst ins Leben gerufen. Hier bekamen wir einen ersten Überblick über das „System Vernichtungslager“ und die Arbeit der Bildungsstätte. Dann kam der Tag, an dem wir bei einer dreistündigen Führung das Stammlager Auschwitz sehen und erfahren konnten. Unmöglich, das Empfinden und die Wahrnehmung der Einzelnen aus unserer Gruppe in Worte zu fassen… Nach der Führung besuchten wir die einzig erhaltene Synagoge in Auschwitz. Da sie als Munitionslager der Nationalsozialisten diente, wurde sie nicht zerstört. Auch der nächste Tag stand im Zeichen des „spürbaren Grauens“ im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Hier wurden in den letzten Kriegsjahren 1,1 Mio. Menschen vergast, davon 900.000 Juden. Das vielfach fotografierte und in Filmen gezeigte Eingangstor mit dem Gleis, das ins Lager zur Rampe führte, ist bis heute Zeugnis eines unvorstellbaren Grauens. Bestehende Baracken, Fragmente von nicht mehr vorhandenen Baracken und die „Rampe“ für die Selektionen wurden für uns nun greifbar. Die Überreste der gesprengten Gaskammern und Krematorien bezeugen die Dimension des Vernichtungslagers auf einer Fläche von 175 ha. Anhand von heimlich aufgenommenen Fotos konnten wir die Erniedrigung und Entmenschlichung unzähliger Menschen erahnen. Im Anschluss an die Führung besichtigten wir noch das Kunstwerk des amerikanischen Künstlers Rick Wienecke „Fountains of tears“ (Quelle der Tränen), das den Dialog des Leidens zwischen dem Holocaust und der Kreuzigung Jesu darstellt. Am Abend fuhren wir nochmals zum Einfahrtgleis und legten bei einer bewegenden Andacht von Peter Bauer zum Gedenken an die vielen Opfer des Vernichtungslagers Rosen auf den Gleisen ab.

 

Unser Aufenthalt in Auschwitz endete und wir machten uns auf nach Krakau. Pavel Krak führte uns durch die wunderschöne Stadt, u.a. in die Marienkirche mit dem Altar von Veit Stoß und auf die Burg Wawel, besondere Wahrzeichen von Krakau. In Kazimierz, dem jüdischen Viertel der Stadt, nahm er uns, u.a. mit einer Lesung, in das jüdische Leben mit hinein. Großartig dann das Essen, begleitet mit Klezmer-Musik, in einem jüdischen Restaurant mit Gewölbekeller. Über Schweidnitz führte uns dann die Reise zurück nach Görlitz. Schweidnitz beheimatet die größte Holzkirche Europas; sie wurde 2001 als Weltkulturerbe aufgenommen. Der Tag der Rückfahrt, begann mit dem Erntedank- Gottesdienst in der Hofkirche in Königshufen/Görlitz. Peter Bauer schlug in seiner Predigt einen feinfühligen Bogen zwischen dem Grauen in Auschwitz und dem Wunder der Speisung der Fünftausend im Matthäusevangelium. Welch versöhnlicher Endpunkt auf unserer Reise!

Die Reise der Erinnerung geht zu Ende – der Weg in die Zukunft hat beim Einen oder der Anderen eine veränderte Sichtweise bekommen…

Ingrid Schäfer